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Warum Pärchen immer mehr auf ihren Kinderwunsch verzichten – und wie sich dieser Trend in der Lausitz verändern könnte.
Warum Pärchen immer mehr auf ihren Kinderwunsch verzichten – und wie sich dieser Trend in der Lausitz verändern könnte.
Foto: istock.com/upixa

Denkanstöße zur Familienpolitik

Teil 1: Die Geburtenrate und der Kinderwunsch

Mittwoch 02. September 2026

Diese neue Rubrik widmet sich ab sofort wichtigen Fragen für Familien, für die durch die Politik und die maßgeblichen Parteien ganz unterschiedliche Lösungen angeboten werden. Passend zum Titelthema dieser Ausgabe rund um Kaiserschnitt und Geburt schauen wir zur Premiere, wovon Geburtenrate und Kinderwunsch in Familien abhängig sind, welche politischen Maßnahmen Familien hier tatsächlich fördern – und ordnen die Familienpolitik der relevanten Parteien in unserem Land entsprechend ein.

Geburten im Sinkflug
In Deutschland klafft derzeit eine deutliche Lücke zwischen Wille und Wirklichkeit: Während Umfragen wie die renommierte FReDA-Studie (www.freda-panel.de) weiterhin einen hohen Kinderwunsch bei jungen Paaren messen, ist die tatsächliche Geburtenrate seit 2022 im freien Fall. Wurden 2021 bundesweit noch 1,61 Kinder pro Frau geboren, waren es 2025 nur noch 1,32 Kinder. Das ist umso dramatischer, da die heutige potenzielle Elterngeneration vorwiegend den ebenso geburtenschwachen Jahrgängen der 1990er-Jahre entstammt. Die absolute Zahl der Geburten in Deutschland fiel 2025 so auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit. Ein Trend, für den aktuell keine Besserung in Sicht ist.
In der Lausitz trifft dieser Trend zusätzlich auf eine historisch verschärfte Demografie: In den zwei Jahrzehnten nach der Wende haben viele junge Leute die Region verlassen – gerade Frauen. Die fehlen heute. Deshalb zählt die Lausitz zu den am stärksten überalterten Regionen in Deutschland, entsprechend niedrig sind die Geburtenzahlen in unserer Region.

Konkrete Betroffenheit
Das hat auch konkrete Auswirkungen: Im Juni 2025 musste trotz Widerstand die Geburtsklinik in Forst geschlossen werden. In diesem Jahr konnte die Schließung der Geburtsklink in Kamenz mit 500.000 Euro vom Landkreis Bautzen gerade noch gestoppt werden – jedoch vorerst nur bis Ende 2026.

Krisenmodus als Erklärung
Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung erklärt die aktuelle Entwicklung durch die Vielzahl an Krisen – Corona, Inflation, Ukrainekrieg, Klimawandel & Co. Da der Osten über weniger finanzielle Rücklagen verfügt und enger mit Osteuropa verknüpft ist, treffen ihn Inflation und Ukrainekrieg gerade besonders. In der Lausitz kommen Unsicherheiten durch den Strukturwandel hinzu.

Pro: Welche Politik hilft
Weltweit haben seit langem alle Industrienationen mit niedrigen Geburtenraten zu kämpfen. Das hat gute Gründe: Frauen verfügen über bessere Bildung sowie Chancen auf Karriere und Selbstverwirklichung. Der Zugang zu Verhütung und meist auch zum selbstbestimmten Abbruch ungewollter Schwangerschaften ist gegeben. Und während Kinder in Entwicklungsländern schon früh unterstützen und eine ungesicherte Altersvorsorge ersetzen, sind sie hier ein klarer Kostenfaktor.
Sind Kind und persönliche Entfaltung aber vereinbar, erfüllen sich Pärchen am ehesten ihren Kinderwunsch. So übertraf die Geburtenrate des Ostens von 2008 bis 2019 sogar die des Westens. Grund dafür waren hohe Betreuungsraten von Kindern unter drei Jahren (noch heute: Ost – 50 %; West – 30 %) und eine starke wirtschaftliche Teilhabe von Frauen, die vielfältigere Familienmodelle wie z.B. mehr alleinerziehende Frauen ermöglichte. Den Beweis liefert aktuell Frankreich mit einer deutlich höheren Geburtenrate trotz aller Krisen. Dort ist die Betreuung von Kindern im Krippen- und Kitaalter deutlich besser ausgebaut, ab drei Jahren ist sie nahezu flächendeckend. Seit 2019 gilt in Frankreich die Schulpflicht ab drei Jahren; die kostenlose „École maternelle“ verbindet Vorschule und Kindergarten, im Schuljahr 2024/25 besuchten 98,5 Prozent der Dreijährigen eine solche Einrichtung. Zudem wird die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch vielfältige wirksame Maßnahmen erleichtert.

Cottbus belegte im Städteranking 2024 der WirtschaftsWoche sogar einen Spitzenplatz: Hier haben mit 64 % deutlich mehr Kinder unter drei Jahren einen Kitaplatz als im deutschen Durchschnitt (37 %). 

Contra: Welche Politik nicht hilft
Daten aus Deutschland und anderen Ländern zeigen ebenso klar, was nicht hilft. So sind Einmalprämien oder finanzieller Support allein nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und bewegen Pärchen in der Regel nicht zur Erfüllung ihres Kinderwunsches. Südkoreas Politik versucht z. B. der dortigen Geburtenrate von nur 0,8 seit Jahren vor allem mit finanziellen Maßnahmen zu begegnen – erfolglos. Vergleichbare Maßnahmen sind in anderen Ländern ebenso wirkungslos.

Aus wissenschaftlichen Daten und Realitäten der Industrieländer lässt sich ableiten, dass Zuversicht im Hinblick auf sowohl die eigene Zukunft als auch die des Kindes sowie der gesellschaftliche Rahmen entscheidend für die Erfüllung des Kinderwunsches bei jungen Paaren sind. Struktur hilft viel, Geld hilft weniger. Unsicherheiten über die Zukunft konterkarieren den Kinderwunsch. Das betrifft vor allem die Frauen, aber auch ihren Blick auf die Zukunft des Kindes.
Vor diesem Hintergrund und vorausgesetzt, wir wollen Frauen nicht die Selbstbestimmung nehmen und sie nicht wie vor einhundert Jahren auf Haushalt und Kinderkriegen reduzieren, lässt sich die Familienpolitik unserer Parteienlandschaft gut einordnen. So setzt die AfD auf Betreuungsgeld für häusliche Erziehung, eine Willkommensprämie für Babys und wirkt mit dem Leitbild der traditionellen Familie (Vater, Mutter, Kinder) vielfältigen Familienmodellen und mit der Verschärfung von Abtreibungen der Selbstverwirklichung der Frau entgegen, zudem möchte sie Kinderrechte nicht ins Grundgesetz aufnehmen. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich Die Linke mit ihrem Programm zu beitragsfreien Kitas und Schulen, Elternschutz nach Geburt und einer Zeitautonomie für Eltern. Alle weiteren Parteien setzen teils auf finanzielle, teils auf strukturelle Verbesserungen. Wir haben die Partei-Positionen zum Thema sortiert nach Umfragewerten und basierend auf den Seiten der Bundestagsfraktionen (bei der AfD basierend auf dem Wahlprogramm 2025, da keine eigene Seite zum Thema Familie) nach den wesentlichen Maßnahmen gefiltert. Anhand der Fakten dieses Beitrags erkennt man schnell, was Familien hilft und was nicht:

  • AfD: Leitbild traditionelle Familie (Vater, Mutter, Kinder); Kinderrechte nicht ins Grundgesetz; Betreuungsgeld für häusliche Erziehung; Willkommensprämie Babys; Verschärfung Abtreibungen.
  • CDU: Ehegattensplitting plus Kinderkomponente; automatisches Kindergeld & höherer Freibetrag; Kita-Qualitätsausbau; Aufstockung der „Frühen Hilfen“; Bekenntnis zu Ehe & Lebensentwürfen.
  • Grüne: Digitale Kindergrundsicherung gegen Armut; Elterngeld bis 18 Monate (6 Partnermonate); Kinderrechte ins Grundgesetz; gesicherte Kita-Qualität; Kinderschutzgesetz; Vielfaltsförderung.
  • SPD: Kita- & Schul-Ganztagsausbau; Elterngeld für mehr Väter-Monate; Familienpflegegeld; kostenfreies Schulessen & Teilhabe-App für Armutsgefährdete; höhere Entlastung Alleinerziehende.
  • Die Linke: Beitragsfreie Kitas/Schulen; 28 Tage Elternschutz nach Geburt; Ehegattensplitting-Ersatz; Anrechnungsverbot von Kinder-/Elterngeld auf Bürgergeld; Zeitautonomie für Eltern.
  • FDP: KI-„Kinderchancenportal“; Wechselmodell als Standard nach Trennung; Freigabe von Eizellspende & Leihmutterschaft; Verantwortungsgemeinschaften; Stärkung von Großelternrechten & Flexibilität.

Lausitzoptimismus für den Kinderwunsch
In der Lausitz könnte sich der Trend sinkender Geburtenraten aus guten Gründen umkehren. So bietet die Region in Sachen Kinderbetreuung durch gute Versorgungsstrukturen optimale Voraussetzungen. Dank des Strukturwandels wird sie immer mehr zu einem sicheren Hafen in komplizierten Zeiten – so stellen hier gerade über 40 Mrd. Euro an öffentlichen und privaten Investitionen sowie zehntausende neue Jobs bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen in Aussicht. Kitas und Schulen werden saniert oder sogar neu gebaut, die Gesundheitsversorgung langfristig mit einem Modellvorhaben abgesichert. All das lockt viele junge Paare in die Region, schafft aber auch für Lausitzer Familien Zuversicht.

Autor: Amadeo Löder