Tradition neu denken – Teil 3:
Die letzte Schrippe ist verkauft
Am 1. August öffnete die Familienbäckerei in Guhrow zum letzten Mal ihren Laden. Für viele Stammkunden war es ein Abschied von einem Ort, der über Jahrzehnte zum Alltag gehörte. Für den Bäckermeister begann gleichzeitig ein neuer Abschnitt.
GUHROW – Der letzte Verkaufstag ist vorbei. Die Regale sind leergeräumt, die Ladentheke wird nicht mehr für den täglichen Verkauf bestückt. Wo über Jahrzehnte Brot, Brötchen, Kuchen und Kekse über die Theke gingen, bleibt es seit dem 1. August ruhig.
Für die Familienbäckerei in Guhrow ist das ein ungewohnter Zustand.
Über 130 Jahre lang gehörte die Bäckerei zum Dorf. Generationen von Kunden kauften hier ihre Brötchen, holten Kuchen für das Wochenende oder kamen einfach auf einen kurzen Plausch vorbei.
Am 1. August wurde daraus ein Abschied.
Ein Laden ist mehr als eine Verkaufsstelle
Für den heutigen Inhaber war deshalb von Anfang an klar, dass die Schließung nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung sein würde.
„Schließlich schließt man nicht irgendeinen Laden. Hier hängt die Geschichte meiner Familie dran und natürlich auch die Verbindung zu vielen Stammkunden aus Guhrow und der Umgebung.“
Gerade für die Stammkunden bedeutete die Schließung eine Veränderung ihres Alltags.
Der tägliche Weg zum Bäcker fällt weg. Das kurze Gespräch an der Verkaufstheke ebenso. Was über Generationen selbstverständlich war, ist plötzlich nicht mehr da.
Doch die Geschichte endet nicht mit dem letzten Verkauf.
Hinter der geschlossenen Tür geht es weiter
Während der Laden geschlossen bleibt, läuft die Arbeit in der Backstube weiter.
Das ist der vielleicht ungewöhnlichste Teil der Geschichte: Von außen betrachtet ist die Bäckerei geschlossen. Tatsächlich wird im Hintergrund weiter produziert.
Auch eine Mitarbeiterin bleibt im Unternehmen und unterstützt weiterhin beim Backen und Verpacken.
Die Aufgaben haben sich allerdings verändert.
Wo früher täglich ein breites Sortiment für die Ladentheke produziert wurde, richtet sich die Arbeit nun zunehmend auf die neue Keksfaktur aus.
Die Produktion wird damit stärker planbar und konzentriert sich auf die Produkte, mit denen der Betrieb künftig Geld verdienen möchte.
Was aus Brot und Brötchen wird
Ganz verzichten möchte der Bäckermeister auf Brot und Brötchen trotzdem nicht.
Für Kunden aus Guhrow und der Umgebung wird deshalb überlegt, wie Backwaren auch künftig auf Bestellung angeboten werden können.
Damit soll zumindest ein Teil der Verbindung zur bisherigen Kundschaft erhalten bleiben.
Der Unterschied ist grundlegend: Früher wurde produziert und anschließend verkauft. Künftig soll stärker nach Bedarf produziert werden.
Auch das gehört zur Neuausrichtung des Unternehmens.
Abschied ohne Stillstand
Die Schließung des Ladens fühlt sich deshalb gleichzeitig wie Abschied und Neubeginn an.
Auf der einen Seite fehlt ein vertrauter Ort im Dorf. Auf der anderen Seite entsteht in derselben Backstube gerade ein neues Geschäftsmodell.
„Ich schließe den Laden – aber ich schließe nicht die Bäckerei.“
Dieser Satz bekommt nach dem 1. August eine ganz konkrete Bedeutung.
Die Verkaufsräume sind geschlossen. Die Backstube arbeitet weiter.
Und dort beginnt jetzt die eigentliche Herausforderung: Aus einer traditionsreichen Landbäckerei soll ein Unternehmen werden, dessen Produkte nicht mehr nur in Guhrow und Umgebung verkauft werden.
Der nächste Weg führt aus dem Dorf heraus
Die Keksfaktur soll künftig über einen Onlineshop und über Händler Kunden in ganz Deutschland erreichen.
Damit verändert sich auch die Frage, wer überhaupt Kunde der Bäckerei sein kann.
Früher musste der Kunde nach Guhrow kommen.
Künftig soll der Keks aus Guhrow zum Kunden kommen.
Ob dieses Konzept aufgeht, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.
Die erste Hürde ist jedenfalls genommen: Der Laden ist geschlossen, die Backstube läuft weiter und die ersten Schritte in Richtung neues Geschäftsmodell sind gemacht.
Die 130-jährige Geschichte der Bäckerei endet damit nicht. Sie bekommt lediglich einen neuen Verkaufsweg.
Fortsetzung folgt: Wie aus einer kleinen Backstube ein deutschlandweiter Onlineverkauf werden soll.