Reformpläne gefährden psychotherapeutische Versorgung
Cottbuser Praxis schlägt Alarm wegen Budgetierung und Honorarkürzungen
Cottbus, im November 2026 – Während gesundheitspolitisch seit Jahren händeringend nach Wegen gesucht wird, die Versorgung psychisch erkrankter Menschen zu verbessern und Wartezeiten zu verkürzen, droht durch geplante gesetzliche Änderungen das genaue Gegenteil. Therapeuten- und Berufsverbände warnen vor dramatischen Folgen durch drohende Honorarkürzungen, den Wegfall von Schutzmechanismen und eine strikte Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen ab 2027. Wie sich diese bundesweiten Maßnahmen konkret auf regionaler Ebene auswirken, verdeutlicht das Beispiel einer etablierten Psychotherapiepraxis für Erwachsene mit halbem Kassensitz in Cottbus.
Politisch gewolltes Engagement wird bestraft
Die Praxis hatte vor zwei Jahren ihren vollen Kassensitz geteilt, um eine junge Kollegin anzustellen. Das Ziel: Die Nachfolge für die Zeit des Renteneintritts zu sichern und gleichzeitig – ganz im Sinne früherer gesundheitspolitischer Förderungen – das Angebot an Therapieplätzen für gesetzlich versicherte Patienten drastisch zu erhöhen. Statt der geforderten Mindestversorgung von 2 x zwölf Sitzungen bot das Praxisteam wöchentlich rund 50 Therapiesitzungen an.
Durch die nun beschlossenen und drohenden Einschnitte verkehrt sich diese positive Entwicklung ins Gegenteil. Zu einer bereits im laufenden Jahr überraschend erfolgten Honorarkürzung von 4,5 Prozent (die derzeit gerichtlich gestoppt ist, aber als „Damoklesschwert“ über den Praxen schwebt) kommt vor allem die geplante zusätzliche Budgetierung. Für Praxen mit halbem Kassensitz könnte dies bedeuten, dass künftig statt der geleisteten 25 bis 26 Sitzungen nur noch etwa 18 wöchentlich vollständig vergütet werden – zusammen mit den weiteren Kürzungen ein drohender Honorarverlust von bis zu 30 Prozent.
Existenzbedrohende Unsicherheit und Zwang zur Ausgrenzung gesetzlich Versicherter
„Es kann doch gesundheitspolitisch nicht gewollt sein, dass Praxisinhaber wirtschaftlich besser dastehen, wenn sie junge Kollegen entlassen, statt sie einzuarbeiten und zusätzliche Therapieplätze zu schaffen“, kritisiert die Cottbuser Psychotherapeutin. Unter den aktuellen Bedingungen seien Praxen kaum noch in der Lage, angestellte Therapeuten oder Sprechstundenhilfen auskömmlich zu bezahlen; erste Kolleginnen und Kollegen trennten sich bereits von ihren Angestellten.
Die massiven Planungsunsicherheiten zwingen etablierte Praxen zu drastischen Schritten, um wirtschaftlich zu überleben:
- Aufnahmestopp für Kassenpatienten: Zusätzliche Therapieplätze für gesetzlich Versicherte können nicht mehr geschaffen werden; stattdessen muss das Angebot kassenärztlicher Leistungen aus Wirtschaftlichkeitsgründen gedrosselt werden.
- Ausweichung auf andere Einnahmequellen: Um die Praxisstruktur und Arbeitsplätze zu sichern, weicht die Cottbuser Praxis auf Reha-Nachsorge (Psy-RENA) aus und öffnet sich erstmals in ihrer Geschichte für Privatversicherte und Selbstzahler – eine Entwicklung, die von der Therapeutin und vielen Kolleginnen tief beklagt wird, da der Zugang unabhängig vom Versicherungsstatus verloren geht.
Volkswirtschaftlich fatal: Am falschen Ende gespart
Experten und Verbände betonen übereinstimmend, dass Kürzungen in der Psychotherapie ein fatales Signal senden. Einsparungen an dieser Stelle sind volkswirtschaftlich kurzsichtig, da unbehandelte psychische Erkrankungen unweigerlich zu höheren Folgebeschosten führen – etwa durch längere Ausfallzeiten am Arbeitsplatz, steigende Krankengeldaufwendungen und teure stationäre Klinikaufenthalte.
Hinzu kommt das Vertrauensproblem in eine verlässliche Gesundheitspolitik: Dass bereits die angemessene Vergütung psychotherapeutischer Leistungen seit Jahrzehnten regelmäßig vor den Sozialgerichten erkämpft werden muss – bis hin zu jahrelangen Nachzahlungsverfahren ohne Zinsen – zeigt nach Ansicht der Therapeuten den grundlegenden Mangel an Verlässlichkeit und Planungssicherheit im System.
Die regionale Praxis fordert deshalb ein sofortiges Umsteuern der Politik, die Rücknahme existenzbedrohender Budgetierungspläne und Rahmenbedingungen, die die Schaffung von Therapieplätzen und die Ausbildung von Nachwuchs nicht bestrafen, sondern nachhaltig sichern.