„Ich, die Herzogin“: Was ist meine Heimat und wenn ja, welche?
Ein Monodrama verbindet Branitz mit der europäischen Geschichte
Von Jörg Tudyka
Ein Stück Geschichte stand Ende im Schloss Branitz auf der Bühne – und es war erstaunlich gegenwärtig. Die Premiere des Monodramas „Ich, die Herzogin“ widmete sich Dorothea de Talleyrand-Périgord, Herzogin von Sagan (heute Zagan), einer Frau, deren Biografie die politische und kulturelle Zerrissenheit Europas im 19. Jahrhundert wie unter einem Brennglas zeigt.
Ein Europa im Wandel – und eine Frau ohne eindeutiges Vaterland
Dorothea lebte in einer Zeit, in der die Grenzen in Schlesien und Polen ständig neu gezogen wurden: Preußen, Sachsen, Polen, Österreich, Russland – Macht wechselte, Territorien wanderten. Ihre eigene Herkunft war international verwoben, ihre Familie verband halb Europa, sie sprach mehrere Sprachen. Im Monolog beschreibt die Herzogin sinngemäß, sie wisse nicht einmal, welches Vaterland sie für sich beanspruchen könne.
Was damals als persönliche Ambivalenz erschien, wirkt heute überraschend modern. Die Frage nach Identität, Zugehörigkeit und kultureller Prägung stellt sich 2025 erneut – nicht nur geopolitisch, sondern gesellschaftlich. Dorotheas Leben zeigt: Europa war schon immer ein Raum überlappender Kulturen.
Ein polnisch-deutsches Kulturprojekt, das verbindet
Eröffnet wurde der Abend von Jarosław Skorulski, Vorstandsleiter der polnischen Stiftung Ogrody Kultury im. księżnej Dino (dt. Stiftung „Kulturgärten der Herzogin von Dino“). Dass die Aufführung von einer polnischen Schauspielerin getragen wird, passt zu dieser grenzüberschreitenden Geschichte: Joanna Koc, Schauspielerin am Stefan-Jaracz-Theater in Łódź, lernte den Monolog eigens für Branitz komplett auf Deutsch.
Das allein war schon ein starkes Zeichen kultureller Nähe – und im fürstlichen grünen Salon spürbar. Ihre Interpretation legte die emotionalen Brüche der Herzogin offen: zwischen Herkunft und Heimat, zwischen Adelspflicht und persönlichem Zweifel, zwischen kosmopolitischem Denken und politischer Realität.
Europäische Identität selten eindeutig
Das Monodrama bot nicht nur eine Begegnung mit einer außergewöhnlichen Frau, sondern auch eine Erinnerung daran, dass europäische Identität selten eindeutig und nie statisch ist. In Branitz wurde spürbar: Geschichte ist dann besonders spannend, wenn sie uns etwas über unsere Gegenwart verrät.
Die Premiere war Teil des Themenjahres 2025 zu Dorothea de Talleyrand im Rahmen des deutsch-polnischen Projekts „Inwertsetzung Parkverbund“ (Kooperationsprogramm BB-PL 2021–2027).
www.parkverbund.eu
Foto: Tudyka.PR
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