Birgit Jennen
Aktuelle Nachrichten aus Görlitz
Die Lausitz und Polen
Gute Nachbarn, aber noch kein gemeinsamer Wirtschaftsraum
Polen ist für die Wirtschaft der Lausitz längst mehr als ein Nachbarland. Arbeitsmarkt, Handel und Unternehmensbeziehungen greifen über die Grenze hinweg zunehmend ineinander. Gerade für die Landkreise Görlitz und Bautzen gewinnt die grenzüberschreitende Kooperation angesichts des Fachkräftemangels, des Strukturwandels und der demografischen Entwicklung weiter an Bedeutung.
Wie eng die Region bereits wirtschaftlich und über den Arbeitsmarkt verflochten ist, zeigt die hohe Mobilität der Beschäftigten vor allem im Landkreis Görlitz. 2025 waren hier insgesamt 87.540 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Einpendlerquote lag bei 18,5 Prozent, die Auspendlerquote bei 20,6 Prozent. die Arbeitsmobilität im Landkreis erheblich.
Görlitz zeigt exemplarisch, welches Potenzial in der grenzüberschreitenden Verflechtung der Lausitz liegt. Gleichzeitig wird hier besonders deutlich, wo die Grenzen der bisherigen Zusammenarbeit liegen. Grenzkontrollen behindern die Mobilität im grenzüberschreitenden Alltag, während unterschiedliche rechtliche und administrative Rahmenbedingungen grenzüberschreitende Geschäfte zusätzlich komplizieren.
Hier setzt auch der CDU Wirtschaftsrat an, der die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen im Vorstand Sachsen nun personell stärkt: Dr. Rafał Mroziewski, bislang in der Sektion Görlitz für die partnerschaftlichen Beziehungen zu Polen zuständig, wurde Ende August in den Vorstand des CDU-Wirtschaftsrates Sachsen berufen. Von dort aus will er die deutsch-polnische Wirtschaftskooperation stärker auf Landesebene voranbringen – mit besonderem Blick auf die sächsische Lausitz.
„Was hier an der Neiße gelingt – Fachkräfte, Unternehmen und Infrastruktur über Grenzen hinweg stärker zu verbinden –, kann Impulse weit über die Region hinaus geben. Wenn wir zeigen, dass aus guter Nachbarschaft konkrete wirtschaftliche Zusammenarbeit und gemeinsames Wachstum entstehen, kann die deutsch-polnische Grenzregion zu einem Modell für Sachsen werden“, sagt Mroziewski.
Historisch ist die Lausitz ein zusammenhängender Kultur- und Wirtschaftsraum, der nach dem Zweiten Weltkrieg durch die neue deutsch-polnische Grenze geteilt wurde. Mit der europäischen Integration wachsen die Teile der Region zwar wieder enger über die Grenze hinweg zusammen. Von einer integrierten Wirtschaftsregion, ist die Lausitz jedoch noch weit entfernt.
Für Mroziewski stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie wird aus der Lausitz ein enger integrierter Wirtschaftsraum, der Nachbarn zu Partnern macht?
Ein wichtiger Hebel sind Investitionen in gemeinsame Infrastruktur. Die Stadtwerke Görlitz und der polnische Wärmeversorger SEC Zgorzelec bauen mit UNITED HEAT eine grenzüberschreitende Wärmeinfrastruktur auf. Das Projekt hat ein Investitionsvolumen von bis zu 195 Millionen Euro.
Das Beispiel zeigt, welche Vorteile eine stärkere wirtschaftliche Integration bringt: Durch die gemeinsame Planung und den grenzüberschreitenden Betrieb können die Investitionskosten auf der Erzeugerseite um 13 Prozent und die Betriebskosten um 4 Prozent niedriger ausfallen als bei einer rein nationalen Lösung. Insgesamt ergibt sich daraus eine Einsparung von rund drei Prozent bei Investitionen und Betrieb. Der Energiepreis könnte nach Berechnungen des Bundeswirtschaftsministeriums fast acht Prozent unter dem Niveau einer Dekarbonisierung ohne grenzüberschreitende Zusammenarbeit liegen.
Die Erfahrungen aus Görlitz bieten die Chance, wirtschaftliche Entwicklungen in Sachsen stärker grenzüberschreitend zu denken. Themen wie Energie, Wärmeversorgung, Industrieansiedlungen, Fachkräftesicherung und Infrastruktur sollten nicht an der Staatsgrenze enden, so Mroziewski.
Ein stärker integrierter gemeinsamer Wirtschaftsraum entsteht jedoch nur dort, wo die Grenze im wirtschaftlichen Alltag an Bedeutung verliert. Dafür braucht es bessere Voraussetzungen für grenzüberschreitendes Arbeiten und Wirtschaften: verlässliche Verkehrsverbindungen, weniger bürokratische Hürden und Ansprechpartner, die Unternehmen auf beiden Seiten der Neiße bei rechtlichen und administrativen Fragen unterstützen. Ebenso wichtig sind gemeinsame Netzwerke, in denen Unternehmen aus Sachsen und Polen zusammenkommen, Kooperationen entwickeln und Investitionsmöglichkeiten identifizieren können.
Der nächste Schritt sollte sein, aus einzelnen erfolgreichen Kooperationen dauerhaft tragfähige Strukturen zu entwickeln. Görlitz zeigt, dass grenzüberschreitende Zusammenarbeit nicht bei politischer Partnerschaft oder einzelnen Projekten stehen bleiben muss. Wenn es gelingt, daraus dauerhafte Verbindungen zwischen Unternehmen, Arbeitsmärkten und Infrastruktur zu schaffen, kann aus wirtschaftlicher Nachbarschaft schrittweise ein gemeinsamer Wirtschaftsraum entstehen, der Unternehmen auf beiden Seiten der Grenze neue Märkte, Fachkräfte und Investitionsmöglichkeiten eröffnet.
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