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18,2 Millionen Euro für den Strukturwandel
Was bringt das neue Forschungszentrum der Lausitz?
Neues ZeStuR an der BTU gestartet – doch in der Region wächst die Frage, ob die Lausitz tatsächlich noch mehr wissenschaftliche Begleitung und Verwaltungsstrukturen braucht
Cottbus – An der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg ist heute das neue Zentrum für Strukturwandel und Regionalentwicklung, kurz ZeStuR, offiziell gestartet. Rund 40 Wissenschaftler sollen sich dort bis mindestens Mitte 2030 mit den Folgen und Herausforderungen des Strukturwandels beschäftigen. Für das Zentrum stehen rund 18,2 Millionen Euro aus Bundesmitteln zur Verfügung.
Das ZeStuR will den Wandel in der Lausitz wissenschaftlich untersuchen und begleiten. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Wirtschaft und Innovation, Arbeitsmarkt, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Stadt- und Regionalentwicklung sowie weitere gesellschaftliche Fragestellungen.
Doch bei aller wissenschaftlichen Bedeutung stellt sich aus Sicht vieler Lausitzer eine grundsätzliche Frage:
Braucht die Lausitz tatsächlich noch mehr wissenschaftliche Begleitung des Strukturwandels – oder braucht sie endlich mehr konkrete wirtschaftliche Entwicklung?
Die Lausitz wird längst wissenschaftlich begleitet
Denn das ZeStuR entsteht keineswegs auf einer grünen Wiese.
Bereits seit 2021 gibt es an der BTU die Begleitforschung Strukturwandel, kurz BeForSt. Das Projekt untersucht ausdrücklich die Wirksamkeit der Strukturwandelmaßnahmen in der Lausitz, entwickelt Indikatoren zur Beobachtung der Regionalentwicklung und der Förderprogramme und soll Erkenntnisse für die Nachjustierung der Strukturwandelpolitik liefern.
Und BeForSt ist keineswegs beendet.
Seit Februar 2026 läuft bereits die zweite Projektphase. Sie ist bis Oktober 2029 angelegt. Auftraggeber ist das Büro des Lausitz-Beauftragten der Staatskanzlei Brandenburg, Hauptauftragnehmer ist das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Auch die BTU ist erneut beteiligt.
Damit existiert bereits heute eine wissenschaftliche Struktur, deren erklärtes Ziel es ist, den Strukturwandel in der Lausitz zu beobachten, zu bewerten und wissenschaftlich zu begleiten.
Und jetzt kommt ZeStuR hinzu
Besonders bemerkenswert ist deshalb ein Detail aus der Beschreibung von BeForSt selbst: Die BTU erklärt, dass Ergebnisse des neuen ZeStuR künftig in die Begleitforschung integriert werden sollen.
Das wirft eine durchaus berechtigte Frage auf:
Wenn bereits ein laufendes Forschungsprojekt den Strukturwandel wissenschaftlich begleitet, warum braucht es zusätzlich ein neues Zentrum mit rund 40 Wissenschaftlern und einem Millionenbudget?
Natürlich können unterschiedliche Forschungsansätze ihre Berechtigung haben. Doch aus Sicht der Lausitzer darf man auch fragen, ob hier nicht immer neue Strukturen entstehen, die sich gegenseitig beobachten, ergänzen und miteinander vernetzen – während die eigentliche wirtschaftliche Entwicklung der Region weiter auf sich warten lässt.
Mehr Forschung bedeutet nicht automatisch mehr Wirtschaft
Die Menschen in der Lausitz erleben den Strukturwandel schließlich nicht als wissenschaftliches Forschungsprojekt. Sie erleben ihn in ihren Unternehmen, auf dem Arbeitsmarkt, in ihren Kommunen, bei der Infrastruktur und bei den Rahmenbedingungen für Investitionen. Die Lausitz weiß sehr genau, dass sich ihre Region verändert. Die Menschen leben seit Jahrzehnten mit dem Ende der Braunkohle, mit neuen Industrieansiedlungen, dem Ausbau von Forschung und Wissenschaft und zahlreichen Strukturwandelprojekten.
Braucht es dafür tatsächlich immer neue Institutionen, Studien, Gremien und wissenschaftliche Begleitung?
Aus Sicht vieler Menschen in der Region liegt das eigentliche Problem an einer anderen Stelle. Die Lausitz braucht nicht in erster Linie weitere Analysen über ihre Zukunft. Sie braucht eine Zukunft, die tatsächlich stattfindet.
Mehr Staat schafft noch keine neuen Arbeitsplätze
18,2 Millionen Euro sind eine beträchtliche Summe. Die Frage muss deshalb erlaubt sein, welchen konkreten Nutzen dieses Geld am Ende für die Menschen und Unternehmen in der Lausitz bringt. Denn Forschung allein schafft noch keine neuen Produktionshallen.
Ein weiterer Transformationsrat baut keine Straßen. Ein zusätzliches Forschungsprojekt gründet keine Unternehmen. Und neue Verwaltungs- und Begleitstrukturen sorgen nicht automatisch dafür, dass ein mittelständischer Betrieb investiert oder zusätzliche Mitarbeiter einstellt.
Der Strukturwandel wird nicht dadurch erfolgreich, dass man ihn immer intensiver verwaltet. Er wird erfolgreich, wenn in der Region tatsächlich neue Wertschöpfung entsteht.
Die Lausitz braucht weniger Beobachtung – und mehr wirtschaftliche Freiheit
Die Region verfügt inzwischen über zahlreiche Institutionen, Behörden, Wirtschaftsförderer, Entwicklungsorganisationen, Forschungsprojekte und Beratungsgremien, die sich mit ihrer Zukunft beschäftigen. Mit BeForSt existiert bereits eine wissenschaftliche Begleitung, die den Strukturwandel und seine Wirkung untersucht. Nun kommt mit ZeStuR ein weiteres großes Forschungszentrum hinzu.
Aus Sicht vieler Lausitzer stellt sich deshalb die Frage nach dem Verhältnis:
Wie viel Geld fließt inzwischen in die Begleitung, Untersuchung und wissenschaftliche Bewertung des Strukturwandels – und wie viel davon kommt unmittelbar bei Unternehmen und Bürgern an?
Das ist keine grundsätzliche Kritik an Wissenschaft. Es ist eine Frage nach den Prioritäten.
Die Lausitz kennt ihre Probleme
Unternehmer wissen, welche Rahmenbedingungen Investitionen verhindern oder ermöglichen. Arbeitnehmer wissen, welche Arbeitsplätze gebraucht werden. Kommunen wissen, wo Infrastruktur fehlt. Familien wissen, warum sie bleiben oder die Region verlassen. Und die Menschen vor Ort wissen sehr genau, was sich in ihrer Heimat in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.
Die Lausitz braucht keinen wissenschaftlichen Blick von außen, um ihre eigenen Probleme zu erkennen.
Was sie braucht, sind verlässliche politische Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, leistungsfähige Infrastruktur, bezahlbare Energie, schnelle Genehmigungsverfahren und eine Wirtschaftspolitik, die private Investitionen wieder attraktiver macht.
Eine interessante Zahl aus der bisherigen Forschung
Dabei liefert ausgerechnet BeForSt selbst einen interessanten Hinweis darauf, wo die eigentlichen Herausforderungen liegen. Nach dem jüngsten Policy Brief der Begleitforschung wurden bis Oktober 2025 insgesamt 5.780 Arbeitsplätze im Zusammenhang mit Strukturwandelmaßnahmen angekündigt. Tatsächlich geschaffen waren zu diesem Zeitpunkt 1.950 Arbeitsplätze. Die Begleitforschung kommt zugleich zu dem Schluss, dass der Lausitz weniger die Arbeitsplätze fehlen als die Menschen, die diese Arbeitsplätze besetzen können.
Das ist eine wichtige Erkenntnis.
Doch daraus folgt auch die Frage: Braucht es weitere Millionen für die wissenschaftliche Begleitung dieser Entwicklung – oder muss die Politik endlich die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Lausitz für Unternehmen, Arbeitnehmer und Familien attraktiver wird?
Entscheidend ist, was am Ende bei den Menschen ankommt
Das ZeStuR hat nun die Chance zu zeigen, welchen konkreten Mehrwert es für die Region tatsächlich schaffen kann. Daran sollte sich das Zentrum messen lassen. Nicht an der Zahl der Studien, Veranstaltungen oder Gremiensitzungen. Nicht daran, wie viele wissenschaftliche Veröffentlichungen entstehen.
Sondern daran, ob aus den gewonnenen Erkenntnissen tatsächlich mehr wirtschaftliche Dynamik, mehr Investitionen, mehr Unternehmen und mehr gute Arbeitsplätze in der Lausitz entstehen.
Denn eines sollte beim Strukturwandel nicht vergessen werden:
Die Lausitz ist kein Forschungsobjekt. Die Lausitz ist die Heimat von Hunderttausenden Menschen – und sie braucht vor allem eine wirtschaftliche Zukunft.
Foto: Archiv
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