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Eine verlässliche Gesundheitsversorgung ist das A und O für Familienplanung.
Eine verlässliche Gesundheitsversorgung ist das A und O für Familienplanung.
Foto: istock.com/SewcreamStudio

Versorgung mit Zukunft

Wie die Lausitz ihre Medizin neu aufstellt

Freitag 04. September 2026

Das Baby ist da – und damit beginnt eine Beziehung zum Gesundheitssystem, die ein Leben lang hält. Nach Hebammen, Geburtshelfern und Kinderklinik werden Kinderarzt, Hausarzt, Therapeuten, Sanitätshaus und im Ernstfall das Krankenhaus wichtig. Für Familien ist deshalb nicht nur entscheidend, wie sicher die Geburt begleitet wird. Ebenso bedeutsam ist die Frage: Wer kümmert sich danach – heute und in zehn oder zwanzig Jahren?
Die Frage ist oft mit Sorge verbunden – und das nicht ganz unbegründet. In vielen Teilen der Lausitz ist es mühsam, eine Hausarztpraxis zu finden, die neue Patienten aufnimmt. Besonders spürbar ist das für Jugendliche, die aus der kinderärztlichen Versorgung herauswachsen. Gleichzeitig altert die Ärzteschaft selbst – und schließt eine Praxis, müssen sich die vormals sicher versorgt geglaubten Patienten neu kümmern. Doch zur Wahrheit gehört auch: Die Region ist längst im Aufbruch und arbeitet intensiv daran, die medizinische Versorgung neu zu organisieren. Kommunen, Kassenärztliche Vereinigungen, Kliniken und nicht zuletzt die neue Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL-CT) suchen nach Lösungen.

Der Engpass kommt nicht überraschend
Deutschlandweit waren 2025 rund 37 Prozent der hausärztlich tätigen Vertragsärzte älter als 59 Jahre. Bei Kinder- und Jugendärzten lag der Anteil bei gut 27 Prozent. Damit ist klar: Auch in den kommenden Jahren müssen viele Praxen Nachfolger finden. In Südbrandenburg waren Lage und Aussichten in der jüngeren Vergangenheit nochmal etwas pessimistischer. Ende 2024 war mehr als jeder zweite Hausarzt in Cottbus älter als 60 Jahre. Die Bedarfsplanung der KV Brandenburg wies Ende 2025 für Hausärzte Versorgungsgrade von 93,6 Prozent in Cottbus, 73,3 Prozent in Guben, 78,7 Prozent in Lübbenau und 70,3 Prozent in Spremberg aus. Im Resultat kümmert sich ein Hausarzt in keinem Bundesland um mehr Patienten als in Brandenburg – 1.430 waren es Ende 2024, fast 200 mehr als im deutschlandweiten Schnitt.

Bei Kinderärzten sieht es besser aus
Für die kinderärztliche Versorgung zeichnet die Bedarfsplanung derzeit ein etwas entspannteres Bild. Ende 2025 lag der Versorgungsgrad in Cottbus bei 168 Prozent, im Landkreis Spree-Neiße bei 116, in Oberspreewald-Lausitz ebenfalls bei 116, in Dahme-Spreewald bei 102 und in Elbe-Elster bei knapp 96 Prozent. Ein hoher rechnerischer Versorgungsgrad bedeutet zwar nicht automatisch, dass jede Praxis sofort neue Patienten annimmt. Er spricht aber für eine flächendeckend auskömmliche Kinderarztversorgung.
Hinzu kommt die Demografie. Brandenburg erlebte Mitte der 2010er-Jahre noch einmal vergleichsweise geburtenstarke Jahre: 2016 wurden knapp 21.000 Kinder geboren. 2025 waren es nur noch rund 14.500 – etwa 31 Prozent weniger. Auch in Sachsen sind die Geburtenzahlen zuletzt weiter gesunken. Mehr dazu in unserer neuen Kolumne rund um Lausitzer Familienpolitik auf den Seiten 24 bis 26. Das entlastet langfristig zwar manche Bereiche der Kindermedizin, löst aber die Nachwuchsfrage bei Ärzten nicht. Entscheidend bleibt, wo Praxen liegen und wie gut sie erreichbar sind.

Cottbus wird selbst aktiv
Dass man nicht einfach auf neue Ärzte warten kann, hat Cottbus erkannt. Die Stadt brachte 2025 gemeinsam mit der MUL-CT, der KV Brandenburg, dem Landkreis Spree-Neiße, Ärzten und weiteren Partnern eine Arbeitsrunde zur ambulanten Versorgung auf den Weg. Diskutiert wurden unter anderem leichtere Praxisübernahmen, bessere Finanzierung, weniger Bürokratie und Arbeitsmodelle, mit denen auch erfahrene Ärzte nach dem klassischen Rentenalter noch stundenweise oder in Teilzeit weiterarbeiten können.
Mit „Docs4Cottbus“ stellt die Stadt bis Ende 2026 bis zu 300.000 Euro bereit, etwa für Investitionen in Praxen, Weiterbildung und die Sicherung von Versorgungsaufträgen. Erste Effekte sind sichtbar: Im Cottbuser MVZ Dr. Braun konnten mit Unterstützung der Stadt zwei zusätzliche Ärztinnen gewonnen werden. Das ist noch keine Lösung für die gesamte Region, zeigt aber, wie kommunale Förderung ganz konkret helfen kann.

Die Medizin-Uni wirkt schon jetzt
Der Lehrbetrieb der MUL-CT startet im Oktober 2026 mit den ersten 36 Studierenden. Auf die ersten in Cottbus vollständig ausgebildeten Mediziner muss die Lausitz also noch mindestens sechs Jahre warten. Doch die Universität soll nicht nur Ärzte ausbilden, sondern die Versorgungsstruktur selbst zum Forschungs- und Entwicklungsfeld machen. Das beginnt schon während des Studiums: Künftige Mediziner sollen auch in akademischen Hausarztpraxen lernen – ausdrücklich in ländlichen Regionen. Rund 60 Lausitzer Hausärzte und Praxisteams hatten dafür bereits Interesse signalisiert.
Besonders spannend für Familien ist das Konzept der Primärversorgungszentren. Statt mehrere Anlaufstellen selbst zusammensuchen zu müssen, sollen Patienten dort möglichst viel aus einer Hand bekommen: hausärztliche Medizin, Pflege, Therapie und soziale Beratung in interprofessionellen Teams, mit längeren Öffnungszeiten und einer gezielten Lotsenfunktion. Fünf Standorte entwickeln derzeit entsprechende Konzepte: Lauchhammer, Lübbenau, Luckau, Finsterwalde und Cottbus. Hier entstehen in den kommenden Jahren neue Gesundheitszentren – eine konkrete Lösung, Versorgung anders zu denken als nach dem alten Muster „ein Arzt, eine Praxis“.


Top 10 Strukturwandelprojekte der Medizin und Pflege

  • Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem, Cottbus
  • Gesundheitslandhaus Schwarze Pumpe, Spremberg
  • Pflegeschule/Medizinische Schule, Forst
  • Robotergestützte Medizintechnik / da Vinci, Klinikum Görlitz
  • Linksherzkathetermessplatz, Klinikum Görlitz
  • OP-Roboter für die Wirbelsäulenchirurgie, Klinikum Görlitz
  • Hybrider OP-Saal, Lausitzer Seenland Klinikum Hoyerswerda
  • Vollstationäres Alten- und Pflegeheim als ganzheitliches Angebot sozialer Dienste, Bautzen
  • Gesundheitszentrum/Gemeindezentrum, Schleife
  • Gesundheitszentrum, Boxberg

Strukturwandel wird Gesundheitspolitik
Der Kohleausstieg wird in der Lausitz oft mit Bahnwerk und -strecken sowie Forschung verbunden. Tatsächlich fließt ein erheblicher Teil der Strukturentwicklung auch in Medizin und Pflege. Eine Übersicht aus dem Strukturwandel listete zuletzt 15 Gesundheitsprojekte in der Lausitz auf – von der MUL-CT und dem Digitalen Leitkrankenhaus in Cottbus über Telemedizin im Rettungsdienst und Gesundheitszentren bis zu moderner OP-Technik in Görlitz und Hoyerswerda. Der Ansatz ist insgesamt aber viel umfassender: So soll die „Modellregion Gesundheit Lausitz“ der MUL-CT Forschung, Ausbildung und Versorgung in der brandenburgischen Lausitz als ein übergreifendes Netzwerk verbinden. Hinzu kommen Projekte wie das „Digitale Fundament Lausitz“, mit dem Gesundheitsdaten besser nutzbar werden sollen. Gerade in einer dünner besiedelten Region kann das entscheidend sein: Nicht jede Leistung lässt sich in jedem Ort vorhalten. Umso wichtiger werden Vernetzung, klare Zuständigkeiten und digitale Unterstützung.

Wenn Wege länger werden
Wie ambivalent diese Entwicklung ist, zeigt die Geburtshilfe. In Forst wurde die Geburtsstation 2025 geschlossen. Für werdende Eltern bedeutet das längere Wege – und das ist im Alltag erst einmal ein Nachteil. Gleichzeitig werden spezialisierte Leistungen an größeren Standorten gebündelt. Die MUL-CT als nächste Anlaufstelle in Cottbus verfügt beispielsweise über ein Perinatalzentrum der höchsten Versorgungsstufe für besonders risikoreiche Schwangerschaften und Frühgeborene.
Auch andere Klinikverbünde setzen auf regionale Netze. Sana verbindet in Südbrandenburg die Geburtskliniken in Lübben, Lauchhammer und Königs Wusterhausen jeweils eng mit der Kinder- und Jugendmedizin; in Lübben kommt die unmittelbare Nähe zur Neonatologie hinzu, Lauchhammer und Königs Wusterhausen arbeiten als perinatale Schwerpunkte. Das Prinzip dahinter: Wege können länger werden, dafür steht am Ziel mehr spezialisierte Expertise bereit.
Dass Versorgung künftig stärker als Netzwerk funktioniert, zeigt auch die Zusammenarbeit zwischen der Lausitz Klinik Forst und der MUL-CT. Beide Häuser kooperieren bereits in mehreren Fachgebieten; 2025 wurde die Zusammenarbeit in der Wirbelsäulenchirurgie ausgebaut. Einfachere Eingriffe können in Forst stattfinden, komplexere Fälle werden in Cottbus behandelt. Solche Modelle werden wichtiger, wenn nicht jedes Krankenhaus jede Leistung dauerhaft selbst anbieten kann.

Gesundheit ist mehr als Arztpraxis
Für Familien besteht Gesundheitsversorgung ohnehin aus mehr als Arztterminen. Die Johanniter in Südbrandenburg begleiten Kinder etwa mit Frühförderung, Ergotherapie oder auch ambulanter Kinderkrankenpflege. Das Sanitätshaus Zimmermann in Cottbus wiederum hat unter anderem einen Schwerpunkt in der Kinder-Reha und passt Hilfsmittel wie Reha-Buggys, Rollstühle, Sitzschalen oder Orthesen individuell an.
Und auch Prävention gehört zum Gesamtbild. Bewegung, gesunde Ernährung und alltagstaugliche regionale Angebote ersetzen keinen Arzt – sie sind aber ein Teil davon, wie Familien Gesundheit selbst in der Hand haben können. Dabei lohnt sich zum Beispiel der Blick regionale Anbieter wie die Kanow-Mühle, die mit ihren Mühlenprodukten das Thema Ernährung aufgreift.

Kein Grund zur Panik – aber zum Handeln
Wer heute in Guben, Spremberg oder Lübbenau erfolglos nach einer Hausarztpraxis sucht, wird sich von Zukunftsprojekten allein kaum beruhigen lassen. Doch schon ermöglicht der Strukturwandel, Versorgung neu zu organisieren. Für Familien ist daher die wichtigste Botschaft: Die medizinische Landschaft wird sich verändern. Manche Wege werden länger, andere Angebote rücken durch neue Zentren, Teams und digitale Lösungen näher zusammen. Entscheidend ist nicht, jede Struktur von gestern zu bewahren, sondern eine Versorgung aufzubauen, die auch morgen funktioniert.


Die Lausitz sorgt vor: 5 weitere aktuelle Maßnahmen

  1. Landärzte-Stipendium: Brandenburg unterstützt Medizinstudenten mit 1.000 Euro monatlich, wenn sie sich verpflichten, nach Studium und Facharztweiterbildung mindestens fünf Jahre in einer ländlichen Region zu arbeiten. Seit 2019 wurden 250 Stipendien vergeben.
  2. Telenotarzt für die Lausitz: Rund 100 Rettungswagen und 25 Notarzteinsatzfahrzeuge in der brandenburgischen Lausitz werden für telemedizinische Einsätze ausgestattet. Erfahrene Notärzte können sich digital zuschalten, Patientendaten einsehen und das Rettungsteam vor Ort unterstützen.
  3. PraxisFit in Sachsen: Die KV Sachsen fördert seit 2026 Praxen, die niederlassungswillige Fachärzte beschäftigen und auf die eigene Praxis vorbereiten. Dafür sind in bestimmten unterversorgten Regionen bis zu 5.800 Euro monatlich für neun Monate möglich.
  4. „Poliklinik Deluxe“: Brandenburg stellt bis 2030 bis zu 40 Millionen Euro bereit, um regionale Gesundheitsstandorte zu Polikliniken, Medizinischen Versorgungszentren oder anderen ambulant-stationären Zentren weiterzuentwickeln.
  5. Gemeindeschwester 2.0: Im Projekt ReGuLa arbeiten in Schwarze Pumpe sogenannte Community Health Nurses. Sie beraten unter anderem zu Prävention und chronischen Erkrankungen und sollen Ärzte und Pflege entlasten.

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