Mittelstand fordert Kurswechsel in der Verkehrspolitik
Bei der 1. Brandenburger Landesverkehrskonferenz in Potsdam fordert Spediteur Jürgen Eckert faire Wettbewerbsbedingungen, funktionierende Infrastruktur und verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen
Spediteur Jürgen Eckert spricht bei der 1. Brandenburger Landesverkehrskonferenz in Potsdam Klartext: Faire Wettbewerbsbedingungen, funktionierende Infrastruktur und realistische Rahmenbedingungen für Unternehmen gefordert
Potsdam, 6. Oktober 2026 Die Verkehrspolitik muss sich stärker an der wirtschaftlichen Realität mittelständischer Unternehmen orientieren. Diese Botschaft stand im Mittelpunkt des Redebeitrags von Jürgen Eckert, Inhaber von Eckert-Transporte, bei der gestern stattgefundenen 1. Brandenburger Landesverkehrskonferenz in Potsdam.
Eckert sprach dabei ausdrücklich nicht aus Sicht eines Ministeriums, sondern aus der Perspektive eines mittelständischen Spediteurs. Seit mehr als 30 Jahren führt er sein Unternehmen und kennt die täglichen Herausforderungen der Branche aus eigener Erfahrung. Sein Fazit:
„Es gibt keine Planungssicherheit mehr.“
Steigende Dieselpreise, Maut, Fahrzeugkosten, Versicherungen und Löhne treffen die Unternehmen ebenso wie immer neue Anforderungen bei Dokumentation, Digitalisierung und Sicherheitsstandards. Gleichzeitig sorgen marode oder gesperrte Verkehrswege, fehlende Lkw-Stellplätze und zunehmende Bürokratie für zusätzliche Kosten und Zeitverluste.
„Wir wollen keinen roten Teppich oder Applaus. Wir wollen unter fairen Bedingungen arbeiten können. Wir wollen Fahrer bezahlen können, investieren können und unsere Unternehmen an die nächste Generation übergeben können“, erklärte Eckert in Potsdam.
Sechs konkrete Forderungen an die Politik
Eckert formulierte sechs zentrale Forderungen:
1. Faire europäische Wettbewerbsbedingungen im Straßengüterverkehr
Deutsche Speditionen stehen unmittelbar im europäischen Wettbewerb. Nach Einschätzung Eckerts führen unterschiedliche Lohn-, Sozial- und Kraftstoffkosten innerhalb Europas zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen. Es brauche deshalb einen europäischen Wettbewerb, bei dem Qualität und Leistung und nicht allein unterschiedliche Kostenstrukturen über Aufträge entscheiden.
2. Mautdaten rechtssicher für Kontrollen nutzen
Die bereits vorhandenen digitalen Daten des Straßengüterverkehrs sollten nach Eckerts Auffassung besser miteinander verknüpft werden können, um Regelverstöße gezielter zu erkennen. Mautdaten, Fahrzeugdaten, Fahrtenschreiber, Frachtpapiere und weitere digitale Transportdaten könnten dazu beitragen, Kontrollen effizienter und zielgerichteter zu machen.
„Wir benötigen eine intelligente Kontrolle, die diejenigen trifft, die Regeln tatsächlich brechen. Keinen Kontrollstaat“, so Eckert.
3. Verbindlicher Infrastruktur-Notfallplan für Brandenburg und Berlin
Besonders deutlich wurde Eckert bei der Verkehrsinfrastruktur. Brückensperrungen, Baustellen und fehlende Ausweichrouten verursachten für Speditionen erhebliche Zusatzkosten.
Als Beispiel nannte er die Sperrung der Ringbahnbrücke in Berlin. Für sein Unternehmen bedeute die notwendige Umleitung allein dort rund 120 Euro Mehrkosten pro Fahrt. Über den Monat summiere sich das auf etwa 2.000 Euro beziehungsweise rund 24.000 Euro im Jahr.
Gefordert wird deshalb ein länderübergreifendes digitales Baustellenmanagement für Berlin und Brandenburg. Es müsse erkennbar sein, welche Brücken für den Güterverkehr besonders kritisch sind, welche Verkehrskorridore wirtschaftlich besonders relevant sind, wo Stellplätze fehlen und welche Bauprojekte angesichts ihrer Auswirkungen auf den Güterverkehr priorisiert werden müssen.
4. Bessere Arbeitsbedingungen für Berufskraftfahrer
Auch die Situation der Fahrer müsse stärker in den Mittelpunkt der Verkehrspolitik rücken. Eckert forderte mehr sichere Lkw-Stellplätze, bessere Sanitäreinrichtungen, bessere Bedingungen an Be- und Entladestellen, verlässliche Arbeitszeiten und mehr gesellschaftliche Wertschätzung für den Beruf.
Denn fehlende Stellplätze seien nicht nur ein Komfortproblem. Wenn Fahrer nach einem langen Arbeitstag keinen geeigneten Platz für ihre vorgeschriebene Ruhezeit finden, werde daraus ein Problem für die Sicherheit des gesamten Straßenverkehrs.
5. Bezahlbare Energiepreise
Hohe Energie- und Kraftstoffkosten belasteten die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Speditionen unmittelbar. Die Politik müsse deshalb dafür sorgen, dass Transporte in Deutschland wirtschaftlich möglich bleiben.
6. Verkehrswende an der wirtschaftlichen Realität ausrichten
Eckert stellte sich dabei nicht grundsätzlich gegen die Transformation des Verkehrs. Im Gegenteil: Unternehmen seien bereit zu investieren, zu digitalisieren und effizienter zu werden. Politische Entscheidungen müssten jedoch die tatsächlichen Einsatzbedingungen berücksichtigen.
Als Beispiel nannte er den Einsatz von Elektro-Lkw. Eine Strecke von rund 700 Kilometern, die ein konventioneller Lkw unter günstigen Bedingungen in etwa neun Stunden bewältigen könne, verlängere sich mit einem E-Lkw unter den derzeitigen Bedingungen auf rund zwölfeinhalb Stunden. Gründe seien unter anderem fehlende geeignete Ladeinfrastruktur, Ladezeiten und die begrenzte Reichweite unter hoher Last und schwieriger Topografie.
„Die Technologie muss zum Transportauftrag passen – nicht der Transportauftrag zur politischen Technologie“, betonte Eckert.
Ohne Speditionen funktioniert die Wirtschaft nicht
Die Bedeutung der Diskussion reicht nach Auffassung der Mittelstandsinitiative Brandenburg weit über die Transportbranche hinaus. Speditionen bilden eine zentrale Grundlage für Industrie, Handel und Handwerk.
Eckert warnte deshalb davor, die Belastungsgrenze mittelständischer Transportunternehmen zu unterschätzen:
„Wenn wir Spediteure verschwinden, verschwindet nicht nur ein Unternehmen. Dann fehlen Fahrzeuge, dann fehlen Fahrer, dann fehlen Transportkapazitäten. Dann steigen die Kosten für Industrie, Handel und Handwerk.“
Die Botschaft aus Potsdam sei deshalb eindeutig: Verkehrspolitik müsse wieder stärker als Wirtschaftspolitik verstanden werden.
Die Unternehmen seien bereit, ihren Teil zu leisten. Sie investierten, bildeten aus, digitalisierten und arbeiteten daran, effizienter zu werden. Dafür brauche es jedoch verlässliche Rahmenbedingungen statt immer neuer Belastungen und kurzfristiger politischer Vorgaben.
Mittelstandsinitiative bringt Verkehrspolitik auf die Straße
Der Auftritt von Jürgen Eckert bei der Landesverkehrskonferenz ist zugleich Teil einer länger angelegten Initiative der Mittelstandsinitiative Brandenburg. Vorausgegangen waren unter anderem die von der Mittelstandsinitiative organisierte Lkw-Demonstration in Cottbus, der Austausch mit BLV Pro e.V., Gespräche mit dem Landtagsabgeordneten Katzmarek und der IHK, sowie die Aufforderung an Jens Krause (Stabstelle Strukturwandel / Infrastruktur & Verkehr) zu einem weiteren Austausch.
Darüber hinaus wurde über den Bundesverband BGL der Kontakt zum Bundesverkehrsminister gesucht. Mit dem gestrigen Redebeitrag auf der 1. Brandenburger Landesverkehrskonferenz wurde die Diskussion nun direkt auf eine zentrale Plattform der brandenburgischen Verkehrspolitik getragen.
Die Forderung des Mittelstands bleibt dabei klar: Nicht gegen Veränderung, sondern für eine Verkehrspolitik, die Veränderung wirtschaftlich möglich macht.
Fotos: IHK Potsdam
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