Mit der Waldeisenbahn durch den Muskauer Faltenbogen
Eine persönliche Entdeckungsreise durch eine Landschaft, die man zu kennen glaubt – und doch immer wieder neu entdeckt.
Fährt man mit der historischen Muskauer Waldeisenbahn auf einer der drei möglichen Routen in den Rhododendronpark Kromlau, sieht man zwar nur einen begrenzten, aber dennoch sehr repräsentativen Teil des Geoparks Muskauer Faltenbogen. Schon diese kurze Strecke lässt erahnen, welche Vielfalt diese Landschaft auf vergleichsweise kleinem Raum bietet.
Die kleine Reise geht durch den Wald, vorbei an grünen, smaragdfarbenen und bräunlichen Gewässern. Einige laden zum Baden ein, andere bieten einen skurrilen, wenn nicht gar schon etwas gruseligen Anblick. Schließlich erreicht man den malerischen Kromlauer Park, der besonders im Frühjahr mit seinem blühenden Rhododendren und der schon aus Filmen bekannten Rakotzbrücke beeindruckt.
Das alles während einer nur etwa zwanzigminütigen Fahrt – je nach Fahrplan sogar mit einer historischen Dampflok und in liebevoll restaurierten, teilweise offenen Waggons.
Neben dem Rhododendronpark kann man mit der Waldeisenbahn auch den Fürst-Pückler-Park Bad Muskau sowie den Aussichtsturm Schwerer Berg erreichen. Von dort bietet sich ein weiter Blick über die ehemalige Tagebaulandschaft bis hin zum Findlingspark Nochten, dem größten Steinpark Europas.
Eine Landschaft durch Eis geformt
Der Grundstein für diese einzigartige Landschaft wurde bereits vor rund 340.000 Jahren gelegt. Damals schob ein gewaltiger skandinavischer Gletscher mit einer mehrere hundert Meter mächtigen Eisdecke die darunterliegenden Erdschichten vor sich her und faltete sie halbkreisförmig auf. Am einfachsten lässt sich das mit einem Handtuch vergleichen, das auf einem glatten Tisch liegt. Drückt man mit einem Finger nahe am Rand darauf und schiebt ihn langsam nach vorn, entstehen bogenförmige Falten. Ganz ähnlich formte der Gletscher den späteren Muskauer Faltenbogen. Dadurch wurden Erdschichten, die ursprünglich in Tiefen von etwa 130 bis 180 Metern lagen, näher an die Oberfläche gedrückt. Auf dem rund 580 Quadratkilometer großen Gebiet konnten dadurch Braunkohle, Ton, Quarzsande und Raseneisenerz vergleichsweise leicht abgebaut werden. Dies führte zur Ansiedlung von Braunkohlegruben, Ziegeleien, Glasbetrieben und Erzabbau. Die zurückgelassenen Abbaugräben – in der Region als „Gieser“ bezeichnet – sind bis heute sichtbar. Viele von ihnen haben sich mit Wasser gefüllt. Da die ebenfalls aufgefalteten Tonschichten die einzelnen Gewässer voneinander trennen, entwickelte jeder dieser Seen seinen ganz eigenen Charakter.
Wasser, Dörfer und Landschaft folgen denselben Bögen
Doch nicht nur die Industrie spiegelt die geologische Besonderheit dieser Region wider. Auch die ursprüngliche Form und Lage vieler Ortschaften folgt dem Verlauf des Faltenbogens.
Die Falten verlaufen in einem nach Norden geöffneten Halbrund von Nordwesten nach Südosten – und genau in dieser Richtung ziehen sich auch viele historische Ortskerne durch die Landschaft. Der Grund dafür ist recht einfach: Früher wurde zuerst Wasser gesucht. Erst wenn Wasser vorhanden war, wurde ein Haus gebaut. Da jede Falte ihr eigenes Oberflächenwasser führt, entstanden Häuser, Höfe und ganze Orte entlang dieser wasserführenden Strukturen.
Interessant ist dabei, dass viele dieser Gewässer bis heute weitgehend unabhängig vom Grundwasser reagieren. Die Tonschichten trennen die einzelnen Wasserkörper voneinander. Deshalb können benachbarte Seen völlig unterschiedliche Wasserstände, Farben und Bewuchsformen aufweisen.
Eine Fahrt voller Überraschungen
Bei Beginn der Fahrt am Bahnhof der Waldeisenbahn kann man noch nicht erahnen, welche wechselhafte Kulisse einen erwartet. Doch schon kurz hinter dem Museumsbahnhof macht die Strecke ihrem Namen alle Ehre. Auch wenn der Forst-Charakter derzeit durch notwendige Gleisbauarbeiten stellenweise etwas eingeschränkt ist, offenbart sich hier die Vielfalt eines geologisch einmaligen Biotops. Besonders in der laubfreien Jahreszeit sind viele Gewässer besser zu erkennen als im Sommer, wenn das Blattwerk die Sicht teilweise verdeckt.
So fährt man zunächst an einem See vorbei, dessen intensive Farbe ihm im Volksmund den Namen „Smaragdsee“ eingebracht hat. Im Sonnenlicht schimmert das Wasser tatsächlich in einem Grün-Blau, das an den Edelstein erinnert. Dazu muss man wissen, dass die meisten Gewässer zwischen Weißwasser und Kromlau keine offiziellen Namen tragen. Sie werden meist nur nummeriert geführt. Viele Anwohner haben ihnen deshalb eigene Namen gegeben. Teilweise existieren sogar mehrere Bezeichnungen für dasselbe Gewässer – je nachdem, wen man fragt.
Während es zunächst entlang der Falten geht und die Seen von ihrer langen Seite betrachtet, verändert sich später die Fahrtrichtung. Der Zug quert nun die Faltenstrukturen und ermöglicht neue Perspektiven auf die Landschaft. Dabei wechseln immer wieder die Eindrücke. Mal erscheint ein Gewässer dunkelgrün, mal milchig hell, mal bräunlich gefärbt. An einigen Seen ragen abgestorbene Baumstämme aus dem Wasser. „Das mutet teils wie eine Kulisse für düstere Märchen oder mystische Thriller an“, meint Besucher Jörg Tudyka aus Cottbus fasziniert.
Auch Daniel aus dem erzgebirgischen Schneeberg war von der Landschaft begeistert. Bereits bei einem Kurztrip im vergangenen Jahr entstand bei ihm der Wunsch, noch einmal zurückzukehren und mit der Muskauer Waldeisenbahn zu fahren. Gemeinsam mit seiner Frau machte er diesen Plan nun wahr. Auf die Frage, was ihn mehr gereizt habe – die historische Eisenbahn oder die Natur –, muss er nicht lange überlegen:
„Beides – und es war sehr schön.“ Besonders die abwechslungsreiche Landschaft entlang der Strecke habe ihn beeindruckt. Sein Fazit: „Das machen wir auf jeden Fall noch einmal – dann aber in der laubarmen Jahreszeit.“
Die Geschichte hinter den „Gespensterbäumen“
Besonders auffällig sind jene Seen, aus denen kahle Baumstämme ohne Äste und Laub aus dem Wasser ragen. Auf den ersten Blick wirken sie wie Mahnmale einer Umweltkatastrophe. Tatsächlich hat die Natur diese Erscheinung selbst geschaffen. Denn in vielen dieser Bereiche wurde früher Raseneisenerz abgebaut. Nach dem Ende der Förderung eroberte sich die Natur die Abbaugruben zurück. Bäume wuchsen, die Senken füllten sich mit Wasser, und das im Boden enthaltene Eisen reagierte mit Sauerstoff. Dabei entstanden Eisenoxide – vereinfacht gesagt Rost. Dieser färbte das Wasser teilweise rotbraun und lagerte sich zugleich an den Baumstämmen ab. Die Bäume starben zwar ab, konnten jedoch durch diese mineralischen Ablagerungen über lange Zeit erhalten, gewissermaßen konserviert, bleiben.
Der Moment, in dem man anfängt nachzufragen
Jeder hat sich wahrscheinlich schon einmal gefragt, warum etwas Alltägliches eigentlich so ist, wie es ist. Beschäftigt man sich näher damit, stellt sich oft heraus, dass vieles längst bekannt war – nur die Zusammenhänge fehlten. So erging es auch mir. Obwohl ich diese Landschaft seit meiner Kindheit kenne, begann ich erst vor Kurzem zu verstehen, wie eng hier Geologie, Natur, Bergbaugeschichte und Siedlungsentwicklung miteinander verbunden sind. Manchmal braucht es Jahrzehnte, um die eigene Heimat neu zu entdecken.
Eine Fahrt mit der Muskauer Waldeisenbahn bietet dafür die beste Gelegenheit. Auf wenigen Kilometern zeigt sie, was den Muskauer Faltenbogen so besonders macht – vorausgesetzt, man schaut nicht nur aus dem Fenster, sondern auch etwas genauer hin.
Dieser Artikel ist im Rahmen von "Bürger machen Journalismus" entstanden – ein Projekt der Universität Leipzig und des DJV Sachsen, gefördert von der Volkswagenstiftung. Mehr dazu unter: www.buergerjournalismus-sachsen.de
(Fotos: Torsten Stupka)
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