L.o Redaktion | Lausitz Magazin
Kultur aktuell
Startschuss fürs Lausitz Festival. Motto: „geschöpferisch“
Drei Wochen Kunst und Kultur im Herzen der Lausitz – die Programmdetails
„geschöpferisch“ klingt erst einmal wie ein Wort, das sich nicht so recht entscheiden möchte. Genau darin liegt der Reiz des diesjährigen Inspirationsworts, das dem Lausitz Festival auf vielfältige Art und Weise in die DNA geschrieben ist. Es hält Geschöpf und schöpferisch in einem Atemzug zusammen: den Menschen als Teil der Welt und als Wesen, das diese Welt unablässig umformt, manchmal klug, manchmal tollkühn, selten folgenlos. Für die Lausitz ist das mehr als ein hübsches Jahreswort. Wo Landschaft, Arbeit und Selbstbild neu sortiert werden, ist Gestalten keine Sonntagsrede, sondern Tagesgeschäft. Das Lausitz Festival 2026 nimmt dieses Wort nicht als Etikett, sondern als Anstoß. Nach sechs Ausgaben wirkt es nicht mehr wie ein Gastspiel, das sich die Region einmal im Jahr leistet, sondern wie ein Denkraum, der gelernt hat, seine Orte ernst zu nehmen: Hangar, Schloss, Energiefabrik, Dorfkirche, Kulturweberei. Die siebte Ausgabe vom 25. August bis 13. September fällt nicht durch kulturelle Betriebsamkeit auf, sondern durch eine erfreulich klare Dramaturgie. Weniger Parallelverkehr, mehr Reisegedanke; große Namen, aber keine Prominenten-Schau. Wer den Spätsommer geschöpferisch nutzen will, findet Programm und Tickets unter lausitz-festival.eu.Die Eröffnung des Lausitz Festivals 2026 steht im Zeichen Johann Sebastian Bachs, seiner h-Moll-Messe und eines neuen »Credos«. Die h-Moll-Messe ist eines der erhabensten Werke der Musikwelt. In der Görlitzer Pfarrkirche St. Peter und Paul wird sie gesungen vom britischen Chor Tenebrae, aus dessen Reihen auch die Solisten hervortreten. Es spielt das Kammerorchester Basel, die musikalische Leitung liegt in den Händen von Nigel Short. Weitere Highlights:1. HAMLET, mit Corinna Harfouch, Sina Kießling, Dagna Litzenberger Vinet, Linn Reusse, Leonard Burkhardt, Tom Gramenz, Götz Schubert und Kindern aus Cottbus; Textfassung und Regie: Marcel Kohler; 26. August 2026, 19 Uhr, weitere Termine 28., 29. und 30. August, jeweils 19 Uhr, Hangar 1, Cottbus/Chóśebuz. Shakespeares Prinz kommt nicht ins Schloss, sondern in eine Flugzeughalle auf dem ehemaligen Militärflugplatz. Das ist keine Kulissenlaune, sondern eine ziemlich genaue Ortswahl: Hamlet ist schließlich ein Stück über eine Ordnung, die sich noch aufrecht hält, obwohl ihr Fundament längst fault. Linn Reusse spielt den Titelhelden, Harfouch und Schubert bringen Gravität und gefährliche Beweglichkeit mit. Dass dasselbe Team nach „Othello / Die Fremden“ weiterarbeitet, zeigt eine gute Entwicklung des Festivals: Es baut Linien, statt jedes Jahr nur Attraktionen aufzureihen.2. JONATHAS DE ANDRADE: DER GRELLE SCHEIN DER RÄNDER, Ausstellung des brasilianischen Künstlers, kuratiert von Kobi Ben-Meir und Ulrike Kremeier; Eröffnung 28. August 2026, 18 Uhr, Neues Schloss Bad Muskau/Mužakow, Laufzeit 29. August bis 31. Oktober; Eröffnung 30. August 2026, 11 Uhr, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, Dieselkraftwerk Cottbus/Chóśebuz, Laufzeit 1. September bis 15. November. De Andrade schaut dorthin, wo Gesellschaften oft nicht besonders gern hinsehen: an die Ränder, zu Arbeit, Körpern, Würde, verletzlichen Gemeinschaften. Dass seine Videokunst und Installation in Bad Muskau mit Werken der 1920er- und 1930er-Jahre in Cottbus korrespondieren, gibt dem Projekt historische Reibung. Man sieht nicht nur Gegenwartskunst aus Brasilien, sondern auch, wie lange Kunst schon versucht, das Soziale sichtbar zu machen, ohne es kleinzureden.3. LIVEKONZERT ZU DREI KURZFILMEN VON JONATHAS DE ANDRADE, mit Homero Basílio, Antônio Barreto und José Émerson Rodrigues; 30. August 2026, 18.30 Uhr, Energiefabrik Knappenrode/ Hórnikecy. Nach der Doppel-Ausstellung wandert de Andrades Arbeit in die Energiefabrik, wo drei brasilianische Musiker zu drei Kurzfilmen eigens komponierte Soundtracks spielen. Congas, Woodblocks, Udu Drum, Shakers, Cowbells, Prato und Sampler sind hier keine exotische Auslage, sondern ein Instrumentarium, das die Bilder körperlich macht. Der Ort tut sein Übriges. Knappenrode ist kein neutraler schwarzer Raum, sondern ein raues Industriemuseum, das noch nach Arbeit klingt. So entsteht ein Abend, der Kunst nicht erklärt, sondern auf eine andere Temperatur bringt. Das ist auf vielfältige Weise anschlussfähig: Hier geht es um Wertschöpfung ohne Fabrikware, um Produktion als Beziehung zwischen Material, Zeit und Wahrnehmung.4. DIE PUPPE, Lesung und Gespräch nach dem Gesellschaftsroman von Bolesław Prus, mit den Übersetzern Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein im Gespräch mit Thoralf Czichon; 28. August 2026, 19.30 Uhr, Schloss Altdöbern. Ein 1.200-Seiten-Roman aus dem späten 19. Jahrhundert klingt zunächst wie ein Fitnessprogramm für den Nachttisch. Doch „Die Puppe“, 2024 neu übersetzt, ist eine literarische Großstadtmaschine: Warschau zwischen Bürgertum, Adel, Geld, Begehren und enttäuschter Modernisierung. Joseph Conrad stellte Prus einst auf eine Stufe mit Dickens; im deutschsprachigen Raum musste diese Nachricht offenbar über hundert Jahre reifen. Im Gartensaal des Barockschlosses wird daraus kein Seminarabend, sondern eine Einladung, Osteuropa nicht nur als geopolitische Nachbarschaft zu lesen. Wer vorher noch zeitgenössische Kunst sehen möchte, kann um 18 Uhr an einer Kuratorenführung des Rohkunstbaus teilnehmen.5. PASSION. ÜBER DIE MENSCHLICHKEIT, MusikHörSpiel nach dem Roman „Passion“ von Amélie Nothomb, mit Götz Schubert, Schauspiel, und Manuel Munzlinger, Oboe und Komposition; 6. September 2026, 18.30 Uhr, Dorfkirche Cunewalde. Nothomb versetzt sich in Jesus in der letzten Nacht vor Golgatha, Schubert gibt diesem inneren Monolog Stimme, Munzlinger legt eine Musik darunter, die elektronische Klänge mit live gespielter Oboe verbindet. Das kann leicht nach Pathos klingen, wird aber interessant, weil der Abend offenbar nicht den Heiligen auf Sockelhöhe sucht, sondern den Menschen im Moment größter Ausgesetztheit. Cunewalde ist dafür ein stimmiger Ort. Die Dorfkirche macht aus der Frage nach Würde, Verrat und Vergebung keine museale Theologie, sondern eine akustische Nahaufnahme. Schubert, in der Lausitz längst mehr als nur Fernsehgesicht, zeigt hier die stille Seite großer Präsenz.6. LAUSITZ LABOR, drei Tage Philosophie im Festival, mit Götz Aly, Sybille Baumbach, Didier Eribon, Rahel Jaeggi, Maria-Sybilla Lotter und weiteren Gästen; Gastgeber: Christoph Menke, Christiane Voss, Lars Dreiucker und Fulvia Modica; 27. August 2026, 14.30 Uhr, Fortsetzung 28. und 29. August, jeweils 15 Uhr, Altes Stadthaus, Cottbus/Chóśebuz, Eintritt frei. Das Labor ist seit Beginn die Stelle, an der das Festival sein Gehirn offenlegt. 2026 geht es um freies Handeln, Verantwortung und Vergebung, also um Begriffe, die in Transformationsregionen nicht abstrakt bleiben. Denn wer neu anfangen soll, muss mit dem Alten umgehen, ohne darin einzuziehen. Dass das Gesprächsformat auf Produktionen wie „Hamlet“, Ligetis „Poème Symphonique“ und das Inspirationswort selbst reagiert, macht es angenehm unakademisch. Hier wird nicht über die Lausitz hinweg gedacht, sondern mit ihr.7. SYMPHONIE DER 100 METRONOME, „Poème Symphonique“ von György Ligeti; 27. August 2026, 15.30 Uhr, Altes Stadthaus Cottbus/Chóśebuz, im Rahmen des Lausitz Labors; 29. August 2026, 20.30 Uhr, Kulturfabrik Hoyerswerda/Wojerecy; 30. August 2026, 15 Uhr, Kulturhistorisches Museum Franziskanerkloster der Städtischen Museen Zittau. Hundert Metronome werden gleichzeitig gestartet, ticken in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, verlieren nach und nach ihre Stimmen, bis das letzte verstummt. Kein Dirigent, kein Solo, kein Trostakkord. Ligetis Klassiker der mechanischen Musik ist ein wunderbares Stück für Regionen im Wandel, weil es Chaos nicht als Defekt behandelt, sondern als Vorgang mit eigener Ordnung. Man könnte darin ein Gleichnis für Verwaltung, Energiepolitik oder Unternehmensnachfolge hören. Man darf aber auch einfach eine Viertelstunde lang verfolgen, wie Zeit sich selbst aufführt.8. VOM EROS FRISCHER DRUCKFARBE, Judith Schalansky im Gespräch mit Thoralf Czichon; 11. September 2026, 19.30 Uhr, Foyer der Energiefabrik Knappenrode/Hórnikecy. Schalanskys neues Buch „Marmor. Quecksilber. Nebel. Woraus die Welt gemacht ist“ nimmt drei Materialien und Aggregatzustände als Ausgangspunkt für Essays, die Naturwissenschaft, Erinnerung, Kunst und Buchkörper verbinden. Dass sie gelernte Buchgestalterin ist, merkt man ihrem Denken an: Bei ihr ist Inhalt nie immateriell, sondern immer auch Papier, Satz, Oberfläche, Geruch. Mit Thoralf Czichon, dem neuen Literatur-Dramaturgen des Festivals und Betreiber des YouTube-Kanals „LiteraturNews“, trifft sie auf einen Vermittler, der Literatur nicht entweiht, wenn er sie aus der Vitrine holt. In der Energiefabrik dürfte daraus ein Abend werden, an dem Bücher wie Produktionsstätten des Denkens erscheinen.9. DEE DEE BRIDGEWATER & TRIO: WE EXIST!, Festival-Finale mit Dee Dee Bridgewater und einem Trio aus Improvisatorinnen; 13. September 2026, 18.30 Uhr, Kulturweberei Finsterwalde. Bridgewater gehört zu den großen Stimmen des Jazz, aber das Wort „Legende“ wirkt bei ihr zu bequem. Ihr Programm „WE EXIST!“ führt zu Songs aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre, zu Soul, Blues, Widerstand und einer Lebensfreude, die nicht mit Harmlosigkeit verwechselt werden sollte. Der Titel erinnert bewusst an Max Roachs „We Insist! Freedom Now Suite“. In Finsterwalde endet das Festival also nicht mit einem schönen Kehraus, sondern mit einer künstlerischen Behauptung: Wir sind da. Wir klingen. Wir lassen uns nicht an den Rand sortieren. Nach drei Wochen „geschöpferisch“ ist das kein Schlussakkord, sondern ein ziemlich guter Arbeitsauftrag
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