Strukturwandel in der Lausitz
Mehr Tempo, mehr Wirtschaft, (noch) mehr Mut
Lausitzrunde überprüft ihre Cluster-Strategie von 2018 – Wirtschaft, Energie, Schiene, Forschung und neue Wertschöpfung im Fokus
Von C.M.Schwab
Fünf Jahre nach Inkrafttreten des Strukturstärkungsgesetzes Kohleregion und acht Jahre nach Vorlage der Cluster-Strategie der Lausitzrunde hat das kommunale Bündnis in Schwarze Pumpe Bilanz gezogen. Im Suhler Klubhaus ging es nicht um eine feierliche Selbstbestätigung, sondern um eine nüchterne Bestandsaufnahme: Was ist gelungen? Was ist nicht gelungen? Was bleibt? Und was braucht die Lausitz jetzt?
Die Veranstaltung machte deutlich: Der Strukturwandel ist in Bewegung, aber er ist längst nicht entschieden. Forschungseinrichtungen entstehen, Milliarden sind gebunden, große Infrastrukturprojekte laufen an, die LEAG baut ihre GigawattFactory aus, Wasserstoff- und Speicherprojekte nehmen Gestalt an. Gleichzeitig bleiben zentrale Fragen offen: Kommt das Wasserstoffkernnetz wirklich in die Lausitz? Werden neue Gaskraftwerke in Ostdeutschland gebaut? Reicht das Tempo beim Schienenausbau? Gelingt es, Forschung tatsächlich in Industrie, Arbeitsplätze und Wertschöpfung zu übersetzen?
2018 gezündet, jetzt Korrekturen nötig
Christine Herntier, Mandatsträgerin der Lausitzrunde und Sprecherin der brandenburgischen Kommunen, brachte den Anspruch der Veranstaltung auf den Punkt. Die Cluster-Strategie von 2018 habe „gezündet“, müsse aber nach acht Jahren überprüft, geschärft und gegebenenfalls auch korrigiert werden. „Gehört auch ein bisschen Mut dazu, etwas zu verwerfen“, sagte Herntier. Es gehe nicht darum, alte Papiere zu verteidigen, sondern um eine Strategie, mit der Kommunen, Wirtschaft und Wissenschaft weiterarbeiten können.
Besonders deutlich wurde Herntier beim Thema Akzeptanz. Das ständige Wiederholen von Milliardenbeträgen helfe vor Ort nur begrenzt. Für Bürgermeister sei der Druck enorm, wenn Bürger fragten, warum andere Orte große Projekte bekommen hätten und die eigene Kommune nicht. Entscheidend sei deshalb, Strukturwandel konkreter zu erklären: mit sichtbaren Projekten, Arbeitsplätzen, Infrastruktur, Bildung und echter Wertschöpfung.
„Milliarden allein schaffen noch keine Akzeptanz.“
Christine Herntier
Forschung muss dorthin, wo Industrie ist
Für Prof. Michael Beckmann von der TU Dresden ist Schwarze Pumpe ein Schlüsselstandort, weil hier Forschung und Industrie unmittelbar zusammengeführt werden können. Die Lausitz dürfe dabei nicht entlang von Landesgrenzen gedacht werden. „Wir sehen die Lausitz als Ganzes“, sagte Beckmann. Wissenschaftliche Kooperationen mit der BTU Cottbus-Senftenberg, Fraunhofer, der LEAG und weiteren Partnern seien längst Realität.
Besonders hob Beckmann das Projekt CircEcon im Industriepark Schwarze Pumpe hervor. Die Entscheidung, Kompetenzen der Hochschulen Chemnitz, Freiberg, Dresden und Zittau-Görlitz an einem Standort zu bündeln, sei aus seiner Sicht richtig. „Hier können wir Kompetenz bündeln, statt sie tröpfchenweise über Standorte zu verteilen.“
Im Zentrum steht für ihn die Kreislaufwirtschaft. Deutschland, Sachsen und die Lausitz seien nicht mit Rohstoffen gesegnet. Umso wichtiger sei es, Wertstoffe aus Produkten zurückzugewinnen, statt sie wegzuwerfen oder wieder ins Ausland zu exportieren. CircEcon könne helfen, Entwicklungen aus Labor und Pilotmaßstab gemeinsam mit Industriepartnern in den Demonstrationsmaßstab zu bringen und damit Ansiedlungen, Start-ups und Ausgründungen zu fördern.
LEAG: Die GigawattFactory wird Realität
Adi Rösch, CEO der LEAG, trat mit einer klaren Botschaft auf: Die LEAG versteht sich nicht als passiver Betroffener des Strukturwandels, sondern als aktiver Gestalter.
Die frühere Vision der GigawattFactory sei inzwischen an vielen Stellen Realität. In Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe entstünden Projekte, Baustellen und neue Investitionen. Besonders stark setzt die LEAG auf Batteriespeicher. Nach der ersten Großbatterie in Schwarze Pumpe mit 50 Megawatt seien nun Projekte mit deutlich größeren Dimensionen in Arbeit.
Rösch machte deutlich, dass Batteriespeicher für Energiewende, Netzstabilität und die industrielle Weiterentwicklung der Kraftwerksstandorte eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig warnte er davor, die Arbeitsplatzwirkung neuer Technologien zu überschätzen.
„Die Milliarden sind vollkommen egal, wenn wir sie nicht in Industrie und Arbeitsplätze bekommen.“
Adi Rösch
Deshalb reiche es nicht, neue Energieprojekte zu bauen. Die Lausitz brauche neue Industrieansiedlungen. Straßen, Radwege und Infrastruktur seien wichtig, ersetzten aber keine industrielle Wertschöpfung. Unternehmen müssten sich bewusst für die Lausitz entscheiden, weil sie hier Fachkräfte, Energie, Flächen und gute Rahmenbedingungen vorfinden.
Rösch forderte mehr Geschwindigkeit und Mut. „Wir müssen hungrig sein, wenn wir Industrieansiedlungen gewinnen wollen.“ Auch die LEAG selbst müsse schneller, flexibler und marktorientierter werden.
Wasserstoff, Wärmepumpen und das Referenzkraftwerk Lausitz
Prof. Mario Ragwitz vom Fraunhofer IEG ordnete die Lausitzer Projekte in die langfristige Entwicklung des Energiesystems ein. Bis 2045 werde das Energiesystem stark von erneuerbaren Energien geprägt sein. Gleichzeitig werde es nicht nur um Strom gehen. „Wir werden beides brauchen: Strom und Wasserstoff.“ Wasserstoff werde insbesondere für Grundstoffindustrie, Hochtemperaturprozesse, synthetische Kraftstoffe und die sichere Stromversorgung benötigt. Batteriespeicher, Wärmepumpen, Geothermie und intelligente Netze würden dabei eine wichtige Rolle spielen.
Ein zentrales Projekt bleibt das Referenzkraftwerk Lausitz. Trotz notwendiger Anpassungen sieht Ragwitz darin weiterhin ein starkes Beispiel für Innovation. In der Lausitz könne das erste Wasserstoff-Rückverstromungskraftwerk in Deutschland und Europa entstehen.
Neue Technologien und Energieoptionen
Prof. Antonio Hurtado von der TU Dresden warb für Technologieoffenheit in der Energiepolitik. Die Lausitz müsse auch über neue kerntechnische Konzepte wie Small Modular Reactors diskutieren dürfen. Diese könnten perspektivisch Strom und hochwertige Prozesswärme für industrielle Anwendungen bereitstellen. „Ergänzend heißt nicht stattdessen“, betonte Hurtado. Erneuerbare Energien müssten weiter ausgebaut werden, zugleich müsse die Diskussion technologieoffen und tabufrei geführt werden.
Schiene als Rückgrat der Wirtschaftsentwicklung
Jens Krause von der IHK Cottbus bezeichnete den Schienenausbau als Schlüssel für die wirtschaftliche Entwicklung der Lausitz. Rund drei Milliarden Euro Strukturwandelmittel fließen allein in Brandenburg in entsprechende Projekte. Sorge bereitet ihm jedoch die Finanzierung auf sächsischer Seite. Dort stehe beim Ausbau der Strecke Cottbus–Görlitz offenbar sogar ein eingleisiger Ausbau zur Diskussion. „Für den zweigleisigen Ausbau Richtung Görlitz müssen wir gemeinsam kämpfen.“ Auch für den Güterverkehr sieht Krause große Potenziale. Allein im Industriepark Schwarze Pumpe gebe es täglich rund 2700 Lkw-Bewegungen.
Forschung muss in Wertschöpfung münden
Prof. Jan Schnellenbach von der BTU Cottbus-Senftenberg zog eine differenzierte Zwischenbilanz des Strukturwandels. In nahezu allen Clustern seien Fortschritte sichtbar. Gleichzeitig warnte er vor einer wachsenden Lücke zwischen Forschung und wirtschaftlicher Anwendung. „Zwischen Forschungsinvestitionen und unternehmerischer Anwendung klafft noch eine große Lücke.“ Es sei keineswegs selbstverständlich, dass Patente, Ausgründungen und Wertschöpfung auch in der Lausitz blieben. Die Region müsse Forschung, Mittelstand und Industrie deutlich enger verzahnen. Als zentrale Herausforderungen nannte Schnellenbach Fachkräftesicherung, Bürokratieabbau und die konsequente Nutzung der Chancen des Net Zero Valley.
Wirtschaftliche Tragfähigkeit entscheidet
In der Podiumsdiskussion lenkte Thomas Knott von der Mittelstandsinitiative Brandenburg den Blick auf einen Punkt, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung zog: die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Strukturwandels. Forschung, Infrastruktur und öffentliche Investitionen seien wichtige Voraussetzungen. Entscheidend werde jedoch sein, ob daraus dauerhaft Unternehmen, Wertschöpfung und Arbeitsplätze entstehen. Knott warnte davor, den Erfolg des Strukturwandels allein an Fördersummen oder Projektzahlen zu messen. Für die Unternehmen in der Region zähle am Ende, ob Investitionen wirtschaftlich tragfähig seien und ob neue Geschäftsmodelle entstehen.
„Der Strukturwandel wird nicht allein durch Förderprogramme gewonnen, sondern durch Unternehmer, die bereit sind zu investieren.“
Thomas Knott
Der gemeinsame Nenner: Tempo, Wirtschaft, Ehrlichkeit
So unterschiedlich die Beiträge waren, sie liefen an mehreren Punkten zusammen: Die Lausitz hat reale Fortschritte erzielt. Gleichzeitig reicht das Tempo vielerorts noch nicht aus. Strukturwandel wird nur gelingen, wenn aus Projekten dauerhafte Wertschöpfung entsteht. Ohne Fachkräfte, Industrieansiedlungen, Energieinfrastruktur, Schiene und Forschungstransfer bleiben Milliarden abstrakt. Die Veranstaltung zeigte auch, dass die Lausitzrunde ihre Rolle weiter als kommunaler Impulsgeber versteht. Es geht längst nicht mehr nur um den Ausstieg aus der Kohle. Es geht um die Frage, ob die Lausitz eine Industrieregion bleibt – mit neuer Energie, neuen Technologien und neuer Wertschöpfung.
Zum Schluss zitierte Christine Herntier Heinrich Heine: „Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt.“ Für die Lausitz heißt das: Strukturmittel sind eine historische Chance. Nachhaltig wirken sie jedoch nur dann, wenn daraus Können, Arbeit, Unternehmen, Infrastruktur und Vertrauen entstehen.
www.lausitzrunde.de
Fotos: Tudyka.PR
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