Lausitzrunde stellt Clusterstrategie auf den Prüfstand
Kommunen, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutieren über die Zukunft der Lausitz
Die Lausitzrunde hat sich am gestrigen 18. Juni von 16.00 bis 19.00 Uhr bei einem gemeinsamen Austausch intensiv mit dem Stand der regionalen Clusterstrategie und den Herausforderungen des Strukturwandels beschäftigt. Erstmals waren dabei neben Vertretern der Kommunen, Wissenschaft und Politik auch Akteure der mittelständischen Wirtschaft in größerem Umfang eingebunden. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Lausitz ihre wirtschaftliche Entwicklung langfristig sichern und den Übergang nach dem Kohleausstieg erfolgreich gestalten kann.
Zu Beginn erinnerten die Vorsitzende der Lausitzrunde, Christine Herntier (Bürgermeisterin der Stadt Spremberg), und Geschäftsführer Hendryk Balko (Sprecher der Oberlausitzer Kommunen) an den politischen Beschluss zum Kohleausstieg sowie die daraus entstandene Clusterstrategie. Die Kommunen der Lausitz hätten diesen Prozess von Anfang an begleitet und als regionale Partner unterstützt.
Forschung, Innovation und neue Märkte
Prof. Dr. Michael Beckmann der TU Dresden verwies auf die langjährige Forschungsstärke der Lausitz. Insbesondere im Bereich Carbon Capture and Storage (CCS) sei die Region einst führend gewesen. Politisch seien diese Entwicklungen jedoch nicht weiterverfolgt worden. Aktuell sieht Beckmann vor allem in der Kreislaufwirtschaft große Chancen. Die Rückgewinnung von Rohstoffen entwickle sich zu einem bedeutenden Zukunftsmarkt. Als Beispiel nannte er das Circecon-Projekt als Pilotansiedlung.
Christine Herntier, betonte die Bedeutung der in den vergangenen Jahren gewachsenen Zusammenarbeit in der Region. Die Lausitz befinde sich zwischen starken Wirtschaftsregionen und müsse ihre eigenen Entwicklungspotenziale gezielt stärken. Die Clusterstrategie werde von vielen Akteuren getragen, künftig müsse die Wirtschaft jedoch noch stärker eingebunden werden. Mit Partnern wie der Mittelstandsinitiative Brandenburg, den Handwerkskammern und den Industrie- und Handelskammern sei dieser Prozess bereits angestoßen worden.
Zugleich machte sie deutlich, dass die Einflussnahme auf Landes- und Bundespolitik ein kontinuierlicher Kraftakt sei. Vieles könne verloren gehen, bevor Neues aufgebaut werde. Mit Blick auf die Zukunft sprach sie sich unter anderem für eine stärkere Nutzung von Künstlicher Intelligenz in der Verwaltung aus. Die aktuellen Strukturmittel bezeichnete sie als einmalige Chance:
„Wir werden nie wieder über solche Mittel verfügen können.“
Energieversorgung bleibt Schlüsselfrage
Einen Schwerpunkt der Veranstaltung bildete die künftige Energieversorgung der Region.
Adi Rösch von der LEAG zog eine überwiegend positive Zwischenbilanz der Unternehmensstrategie. Die Transformation verlaufe bislang erfolgreich, auch wenn der Ausbau neuer Gaskraftwerke weiter auf politische Entscheidungen warte. Die Lausitz befinde sich auf einem konsequenten Dekarbonisierungspfad. Bis 2038 sollen rund sieben Gigawatt erneuerbare Stromerzeugungskapazität aufgebaut werden. Gleichzeitig werde deutlich, dass neue Technologien deutlich weniger Arbeitsplätze schaffen als die bisherige Braunkohleindustrie.
Rösch unterstrich zudem die Bedeutung von wasserstofffähigen Gaskraftwerken. Diese seien nicht nur für die Stromversorgung wichtig, sondern auch als künftige Abnehmer von Wasserstoff und damit für den Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur.
„Wenn wir es nicht tun, machen es andere“, mahnte er mit Blick auf die internationale Konkurrenz.
Prof. Dr. Antonio Hurtado kritisierte, dass die Diskussion über sogenannte Small Modular Reactors (SMR) in Deutschland kaum geführt werde. Nach dem großflächigen Stromausfall in Spanien sei die Kernenergie in mehreren europäischen Staaten erneut auf die politische Agenda gerückt. Deutschland müsse technologische Entwicklungen zumindest beobachten und bewerten, um künftig nicht von Importen abhängig zu werden. Sein Appell lautete, alle technologischen Optionen offen zu betrachten und internationale Kooperationen auszubauen.
Prof. Dr. Mario Ragwitz vom Frauenhofer Institut zeigte sich überzeugt, dass das Energiesystem der Zukunft von erneuerbaren Energien dominiert werde. Bereits ab Mitte der 2030er Jahre seien jedoch zusätzliche Wasserstoffkraftwerke erforderlich. Das Referenzkraftwerk für die Lausitz sei planerisch weit fortgeschritten, es fehle derzeit jedoch an den politischen Rahmenbedingungen und an einer gesicherten Wasserstoffversorgung. Zudem werde untersucht, wie industrielle Abwärme künftig besser genutzt werden könne. Die Lausitz habe in der Vergangenheit bewiesen, mit Rückschlägen umgehen zu können.
Fachkräfte, Investitionen und industrielle Umsetzung
Prof. Dr. Jan Schnellenbach zog eine differenzierte Bilanz der bisherigen Clusterstrategie. In nahezu allen Clustern seien Fortschritte erkennbar. Gleichzeitig bestehe eine erhebliche Lücke zwischen Forschungsinvestitionen und industrieller Anwendung. Wenn neue Erkenntnisse nicht vor Ort genutzt würden, wanderten Wissen und Innovation ab.
Besonders kritisch bewertete er die Fachkräftesituation. Der notwendige Personalpool für technologieorientierte Entwicklungen sei in der Lausitz bislang nicht ausreichend vorhanden und müsse parallel aufgebaut werden. Hinzu komme ein Rückgang von Beschäftigten in MINT-Berufen. Auch die Investitionstätigkeit entwickle sich aus seiner Sicht nicht zufriedenstellend.
Wirtschaft fordert stärkere politische Unterstützung
In der anschließenden Diskussion meldeten sich erstmals Vertreter der regionalen Wirtschaft deutlich zu Wort.
Die Bundestagsabgeordnete Maja Wallstein (SPD) verwies auf aktuelle Debatten innerhalb der Bundespolitik. Hinsichtlich der Kernenergie sprach sie sich gegen eine Renaissance der Technologie aus und verwies auf hohe Kosten sowie ungelöste Versicherungs- und Haftungsfragen.
Deutlich kritischer äußerte sich Frank Hennig von der Mittelstandsinitiative Brandenburg. Er bemängelte, dass die Interessen der Region auf Bundesebene nicht ausreichend vertreten würden. Zudem stellte er die Frage, wie die Lausitz mit Unternehmen umgehen wolle, die bereits vor Ort seien, aber zunehmend unter Druck gerieten. Auch der angekündigte Monitoring-Bericht der Bundesregierung zum Kohleausstieg lasse weiter auf sich warten.
Christine Herntier machte in der Diskussion deutlich, dass die Kommunen sich nicht auf Klagen beschränken könnten. Sie seien diejenigen, die die Folgen des Strukturwandels unmittelbar gestalten müssten. Gleichzeitig verwies sie darauf, dass steigende Energiekosten viele Unternehmen zunehmend belasteten.
Thomas Knott von der Mittelstandsinitiative Brandenburg forderte bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Verantwortung werde zu oft weitergereicht, während die Folgen politischer Entscheidungen vor Ort getragen werden müssten. Für die Zukunft der Lausitz sei entscheidend, eine echte Bleibekultur zu schaffen, um Fachkräfte und Leistungsträger in der Region zu halten. Neben Investitionen in Bildung sprach er sich für einen spürbaren Bürokratieabbau, wettbewerbsfähige Energiekosten und verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen aus. Andernfalls drohe Kapital zunehmend in andere Regionen abzuwandern.
Gemeinsames Ziel: Wertschöpfung in der Lausitz halten
Trotz unterschiedlicher Positionen wurde im Verlauf der Veranstaltung deutlich, dass alle Beteiligten das gleiche Ziel verfolgen: Die Lausitz soll auch nach dem Kohleausstieg ein starker Wirtschafts- und Industriestandort bleiben. Die Diskussion zeigte jedoch ebenso, dass die Herausforderungen komplex bleiben. Neben Forschung und Innovation werden vor allem Fachkräfte, Energiepreise, Investitionsbedingungen und politische Verlässlichkeit darüber entscheiden, ob die Clusterstrategie ihre Wirkung langfristig entfalten kann.
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